Grand Canyon -
Gänsehaut beim Blick hinab in die Erdgeschichte

Ein bemerkenswerter Berg kündigt sich an, indem er am Horizont auftaucht und bei der Annäherung immer größer wird. Ein Wasserfall ist in aller Regel zu hören, bevor man ihn sieht. Der Grand Canyon dagegen kommt plötzlich. Praktisch erst unmittelbar an seiner Kante offenbart er seine unvergleichliche Schönheit. Der Panorama-Eindruck all der Risse, Täler, Plateaus und Felszinnen wird für jeden Besucher unvergesslich bleiben - vor allem, wenn er den Blick am frühen Morgen oder kurz vor Sonnenuntergang in den Canyon richtet. Dann nämlich entsteht durch das schräg einfallende Licht der Sonne eine fast unwirkliche Licht- und Schattenlandschaft aus sanften Rot-, Orange- und Brauntönen.
Vor vermutlich etwa fünf Millionen Jahren begann der Colorado, sich in die Landschaft zu fräsen. Heute liegt sein Flusslauf knapp 1.500 Meter unterhalb der Canyon-Kante. Ungefähr 750 Meter hat der Strom noch vor sich, will er Meeresniveau erreichen. Aber „schon" jetzt hat er den Weg in die Erdhistorie freigemacht. Auf den Pfaden, die in den Canyon hineinführen, geht man vorbei an Gesteinsschichten aus dem Trias (vor etwa 225 Millionen Jahren), als die Dinosaurier noch lebten, passiert Erdzeitalter wie Perm oder Karbon und erreicht schließlich nahe des Colorado das Kambrium (vor etwa 600 Millionen Jahren). Nur: So ganz einfach ist dieses Wandern nicht; 1.500 Meter Höhendifferenz und zwischen sechseinhalb Meilen (zehn Kilometer) und knapp zehn Meilen (gut fünfzehn Kilometer) Wegstrecke auf den unterschiedlichen Pfaden erfordern gute Gesundheit und beste Kondition.
Bereisen kann man sowohl den South Rim als auch den North Rim des Grand Canyon. Beide sind im Mittel etwa 20 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Will man jedoch per Auto von einer Seite zur anderen gelangen, dann ist die Strecke rund 200 Meilen (320 Kilometer) lang. Der ganzjährig geöffnete South Rim liegt etwa 400 Meter niedriger als der North Rim, bietet die (noch) spektakuläreren Panoramen und wird von deutlich mehr Touristen besucht (Verhältnis etwa 10:1).
Das führt dazu, dass der westliche Teil und ein kleiner Abschnitt des östlichen Teils des South Rim von Frühling bis Herbst nur von Shuttle Buses befahren werden dürfen. Am ruhigeren North Rim dagegen gibt es solche Einschränkungen für den Privatverkehr nicht - allerdings ist der North Rim nur von Mai bis Mitte Oktober geöffnet. Die um höhere Lage sorgt hier nämlich für einen merklichen längeren Winter. Hier wie da herrscht kein Mangel an Sehens- und Erlebenswertem.
